05.12.2019

Von der Konfektion zum Maßanzug

Farbmischsysteme werden immer vielfältiger und individueller. Gab es vor einigen Jahrzehnten noch einfache universelle Systeme, gehört die Zukunft den speziell auf die Bedürfnisse der Anwender zugeschnittenen Lösungs­modellen. Die Welt der Farben wird dabei mit durchschnittlich 250.000 Farbtönen je Produkt auf der Mischmaschine nicht nur bunter, sondern auch digitaler.

von Hajo Schütz, Diplom-Chemieingenieur der Fachrichtung Lacke und Anstrichtechnik und Leiter der Entwicklung Farbmischsysteme bei der CD-Color GmbH & Co. KG, Herdecke

Als Kind habe ich ihn geliebt, meinen alten Wasserfarbkasten. Wenn beim Mischen von Rot und Gelb ein leuchtendes Orange oder aus Blau und Gelb ein sattes Grün wurde, war ich einfach fasziniert. Vielleicht habe ich deshalb später den Studiengang „Lacke und Anstrichtechnik“ absolviert und bin Ende der 1980er Jahre schließlich bei „meinem“ Thema, den Farbmischsystemen gelandet.

Zu dieser Zeit boten die Farben- und Lackhersteller in der Regel eine Handvoll Standardfarbtöne an. Sonderfarbtöne gab es nur bei entsprechender Bestellgröße und in einer eingeschränkten Anzahl an Produkten. Der Wunsch nach Individualisie­rung in der Farbgestaltung und nach Abgrenzung von den normalen Standardfarb­tönen war jedoch bereits deutlich spürbar und so entstanden die ersten Farbmisch­systeme. Deren Mischergebnisse entsprachen aus heutiger Sicht sicherlich nicht dem Qualitätsniveau einer Werkstönung. Getönt wurde - heute kaum noch denkbar - mit manuellen Anlagen. Die Pasten enthielten neben viel Wasser auch entspre­chende Mengen an Glykolen etc., um speziell in lösemittelhaltigen Lacken eine halbwegs akzeptable Verträglichkeit zu gewährleisten. Dies führte jedoch oft zur Schleier­bildung bei hochglänzenden Lacken oder zu einem schlechten Verlauf in einem Seidenglanzlack.

Kurze Dosierzeiten - exakter Farbton

Um diese Schwachstellen zu beseitigen und der Mischtechnik den Weg zu bereiten, wurden im Bereich der Maschinentechnik die ersten vollautomatischen Mischanlagen entwickelt, die auch heute noch nach dem gleichen Prinzip aufgebaut sind. Es gibt einen Vorratsbehälter für die Tönpaste. Von dort wird das Material über eine starre oder auch flexible Verbindung zu einer Förderpumpe geführt. Hierbei haben sich im Laufe der Entwicklungszeit im Wesentlichen zwei Pumpentypen etabliert: Zum einen die Hubkolbenpumpe, die im Prinzip wie eine Luftpumpe funktioniert, zum zweiten die Zahnrad- und Schneckenpumpen. Beide Typen erfüllen ihren Zweck, nämlich die Paste in möglichst kurzer Zeit und mit möglichst großer Genauigkeit in das zu tönende Gebinde zu dosieren. Eine weitere wichtige Komponente ist das Dosier­ventil, in der Regel ein klassisches 3-Wege-Ventil, das entweder manuell oder elektrisch angesteuert und bewegt wird.

Für den Farbenhersteller und für den Maler bzw. Verarbeiter spielt diese Dosiertechnik nur insofern eine Rolle, als das Ergebnis stimmen muss. Und das bedeutet: Kurze Dosierzeiten und ein exakter Farbton. Die Mischanlage eines jeden Farbmisch­systems - und sei es technisch auch noch so aufgerüstet - ist also letztlich nur Mittel zum Zweck. Die Weiterentwicklungen der letzten Jahre brachten deshalb auch keine grundsätzlichen Änderungen in der Dosiertechnik. Allerdings wurden die Dosierprozesse verfeinert und Wartungs­intervalle konnten durch bauliche Optimierungen deutlich verlängert werden. So sind heutige Farbmischanlagen ein unverzichtbares Instrument, um jederzeit und an jedem Ort bunte Farben und Lacke herstellen zu können. Und das nur in der Menge, die wirklich gebraucht wird. Nachhaltiger geht es kaum.

Blick in das Töncenter bei Farben Bock in Aachen. Hier sind Dosieranlagen aller namhaften Hersteller im Einsatz.
Blick in das Töncenter bei Farben Bock in Aachen. Hier sind Dosieranlagen aller namhaften Hersteller im Einsatz.

Eine technisch sinnvolle Trennung

Im Bereich der Produkte, d.h. der Pasten und der zu tönenden Basismaterialien, hat es dagegen gravierende Weiterentwicklungen gegeben - gerade vor dem Hinter­grund der sich ständig verändernden Gesetzeslage, aber auch angesichts der Forderungen der Verarbeiter und Endverbraucher nach immer umweltverträglicheren und nachhaltigeren Anstrichsystemen. So wurden Produkte entwickelt, die deutlich längere Haltbarkeiten und Beständigkeiten der Beschichtungen ermöglichen und damit auch deutlich längere Renovierungszyklen.

Anfang der 1990er Jahre etablierte sich die erste Trennung in ein lösemittelhaltiges und wässriges Pastensystem, vorangetrieben durch die damals neue In Can-Technologie. Damit war es zum ersten Mal möglich, lösemittelhaltige Produkte zu erhalten, die einer Werkstönung zu 100 Prozent entsprachen - und das in allen erdenklichen Farbtönen und selbst in kleinsten individuellen Mengen. Diese technisch sinnvolle Maßnahme der Trennung von lösemittelhaltigen und wässrigen Pastensystemen in einer Anlage hat sich mehr oder weniger ausgeprägt in den Farbmischsystemen aller Wettbewerber am Markt durchgesetzt.

Zusätzlich zu den Farbmischsystemen für Bautenfarben und Lacke entwickelten sich natürlich auch eigenständige Tönsysteme für Spezialprodukte wie Industrielacke, für rein anorganische Produkte wie z. B. Silikatfarben oder auch für Sortimente wie Lasuren. Auch in diesen Fällen erfolgt die Tönung mit den beschriebenen Mischanlagentypen. Sie unterscheiden sich letztlich nur durch die eingesetzten Tönpasten.

Tönpasten und Herstellerkooperationen

Die Tönpasten nehmen bei der jetzigen und verstärkt auch bei der künftigen Entwicklung von Produkten und Farbmischsystemen eine Schlüsselstellung ein. Farben- und Lackhersteller, die für ihre Basisfarben auch die eigenen Pastensysteme entwickeln, dürften dabei die Nase vorn haben. Diese speziell für ein zu tönendes Sortiment entwickelten und abgestimmten Tönpasten gewährleisten breiteste Verträglichkeit mit allen Produkten eines Anbieters und - in Kombination mit neuester Dosiertechnik - ein Qualitätsniveau, das Hersteller wie Verarbeiter gleichermaßen zufrieden stellt.

Auch die Kooperation mehrerer Hersteller auf einer Mischanlage wird in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. So wie es für einen Händler wenig Sinn ergibt, ein viertes oder fünftes Mischsystem bei sich zu installieren, so bedeutet es auch für den Verarbeiter einen zu hohen Aufwand, sich unterschiedliche Top-Produkte verschie­denster Lieferanten bei mehreren Händlern abtönen zu lassen - schon aus Zeit- und Kostengründen, aber auch, weil dabei aufgrund unterschiedlicher Maschinentechnik unterschiedliche Qualitätsniveaus gegeben sein können. Hier werden die Farbmisch­systeme einen immensen Vorteil bieten, mit denen die Sortimente gleich mehrerer Lieferanten tönbar sind. Damit erhält der Verarbeiter eine breiteste Verfügbarkeit an Produktgruppen (lösemittelhaltig, wässrig, Lasuren, Dispersionen, Putze, Bodenbeschichtungen, Funktionsfarben etc.) und das in allen Qualitätssegmenten, getönt über nur ein Farbmischsystem. Die Systemvorteile für den Verarbeiter liegen dabei auf der Hand: Wenn sowohl Pasten als auch Tönrezepturen aus einer Hand kommen, passt alles 100%ig zu einander und bringt hinsichtlich Verarbeitung, Beständigkeit, Preis/Leistungsverhältnis und letztlich auch Gewährleistung beste Ergebnisse.

Individualisierte Farbmischsysteme

Das Standard-Farbmischsystem von der Stange hat wohl bald ausgedient. So wie sich jeder Autokäufer sein Wunschmodell aus vielen Komponenten zusam­men­­stellt, so werden aus einer fast unbegrenzten Anzahl an Produkten, Tönrezep­turen, Pastenkonfigurationen und Mischanlagentypen in Zukunft individuell für den Nutzer konfigurierte Farbmischsysteme entstehen, die die jeweiligen Ansprüche in Sachen Leistungsspektrum und Kapazität, aber auch regionale Besonderheiten berück­sichti­gen. Auch die Digitalisierung wird ihren Part zur Weiterentwicklung der Farbmisch­systeme beitragen. Schon heute werden über die Onlineanbindung einer Mischan­lage Daten und Statistiken, Reports und Verkaufszahlen in Echtzeit generiert. Der Verarbeiter hat den Vorteil, dass sein Kauf bestimmter Produkte durch entsprechen­de technische Maßnahmen im Digitalbereich unterstützt wird. Er erhält die technischen Merkblätter und Sicherheitsdatenblätter bereits bei der Bestellung und bekommt im Vorfeld relevante Produktneuheiten, die auf ihn zugeschnitten sind, exklusiv präsentiert.

Die Tönpasten und die Tönprodukte werden zukünftig neben den üblichen Schutz- und Dekorationszwecken zunehmend weitere Funktionen wie zum Beispiel isolierende Eigenschaften übernehmen und so einen Mehrwert für den Verarbeiter und den Auftraggeber schaffen. Die getönten Produkte werden angesichts eines höheren Umweltbewusstseins vor allem der Endverbraucher immer weniger kritisch beäugte Inhaltsstoffe enthalten. Dazu bedarf es nicht einmal gesetzgeberischer Regelungen. Das regelt der Markt von ganz alleine.

Es bleibt also spannend in der Entwicklung der Farbmischsysteme!

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